Klimawandel: Nachtigall entwickelt sich prächtig

Ornithologen zählen seit langem erstmals wieder mehr als 70 singende Nachtigallen im Stadtgebiet

© Foto K.H. Bloch

Im 19. Jahrhundert war die Nachtigall im Hildesheimer Raum noch ein häufiger Brutvogel. Heute erholen sich die stark gefährdeten Bestände nur langsam. Um eine Nachtigall an ihrem Nest zu fotografieren, brauchte der Heersumer Naturfotograf Karl-Heinz Bloch schon viel Geduld.

 

(ha) Gletscher schmelzen, Permafrostböden tauen und die Eisbären haben Probleme, sich und ihre Jungen noch satt zu bekommen. Doch es gibt auch Gewinner des schleichenden Klimawandels: Der Wärme liebenden Nachtigall bekommen die ungewohnt milden norddeutschen Sommer ausgesprochen gut. In diesem Frühjahr haben die Hildesheimer Vogelkundler im Stadtgebiet 71 singende Männchen gezählt – so viele wie seit 1972 nicht mehr.
Lothar Kaczmareck, der Artbeauftragte des Ornithologischen Vereins (OVH), kann es kaum fassen. Vor einigen Jahren noch orakelten viele Experten, dass die Nachtigall in unseren Breiten bald ausgestorben sei, dass uns „ein stummer Frühling“ drohe. Und nun gibt es eines der besten Zählergebnisse der seit mehr als 50 Jahre dauernden Kartierung. Der scheue Singvogel steht zwar nach wie vor auf der Liste der 16 gefährdeten Brutvogelarten Niedersachsens, doch dass die Bestandszählung 2006 an die Traumergebnisse der 60er und 70er Jahre würde anknüpfen können, damit hätte niemand gerechnet.
In allen traditionellen Brutgebieten schmetterten die liebeshungrigen Männchen in diesem Frühjahr ihre kunstvollen Lieder mit den charakteristischen „Zieh-zieh“- und den kurzen „Tschack-tschack“-Lauten, um ein Weibchen für sich zu begeistern – und um zugleich möglichen Nebenbuhlern zu signalisieren, dass dieses Revier besetzt ist. Bis zu 260 verschiedene Strophen soll das Repertoire der Nachtigallen umfassen.
Fünf Männchen trällerten im Naturschutzgebiet Mastberg / Bungenpfuhl, fünf weitere rund um den Hafen, ebenfalls fünf Sänger wurden in der Innersteaue zwischen der Drei-Bogen-Brücke bei Marienburg und dem Hohnsensee gezählt. Andere hatten sich am Osterberg auf dem Truppenübungsplatz der Bundeswehr niedergelassen, wieder andere am Reitgut Steuerwald.
Dabei waren die mit den Blaukehlchen verwandten Vögel aus der Familie der Drosseln wegen des nasskalten Wetters diesmal ungewöhnlich spät aus ihren Winterquartieren in Zentralafrika zurückgekehrt. Erst am 14. April konnten die schon ungeduldig wartenden Ornithologen den ersten Sängern lauschen. Im Jahr 1947, berichtet Kaczmareck, habe die erste Nachtigall bereits am 29. März gesungen. Anfang Mai folgte dann der Hauptzug, auch wenn die zierlichen, kaum Spatzen großen Vögel die gewaltigen Entfernungen zwischen Sommer- und Winterquartier nicht in Schwärmen, sondern einzeln zurücklegen. Zunächst treffen die älteren Männchen ein, ihnen folgen die Junggesellen des Vorjahres, als Letzte kommen die Weibchen.
Die Ornithologen gehen davon aus, dass überall dort ein Nest gebaut wird, wo ein Männchen zuvor über mindestens 14 Tage gesungen hat. Zu Gesicht aber bekommt man die scheuen Vögel, die mit ihrem beige-braunen Gefieder bestens getarnt sind, nur selten. Das Weibchen legt vier bis sechs Eier, aus den nach 13 Tagen die Jungen schlüpfen und sich noch elf bis zwölf Tage von den Eltern füttern lassen.
Wie viele Junge flügge werden, bleibt offen: Die bodennahen Nester in buschigem Unterholz, in denen die Alten nach Insekten, Gewürm und Beeren suchen, sind für viele Räuber leichte Beute. Und anders als die meisten anderen Singvögel brüten Nachtigallen kein zweites Mal, wenn das Gelege verloren gehen sollte. Wie groß der Bruterfolg also ist, wird sich erst im kommenden Jahr zeigen, wenn die Nachtigallen aus Afrika zurückkommen. Dorthin sind die ersten bereits wieder aufgebrochen.

Seit mehr als einem Jahrhundert dokumentieren Hildesheimer Vogelkundler den Bestand der Nachtigall. In diesem Jahr fand die aufwändige Zählung, die von zahllosen Bürgern mit Meldungen unterstützt wurde, zum vorerst letzten Mal statt. Der Bestand scheint sich zu erholen.
© Grafik: Lothar Kaczmareck

 

 
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