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Aus der HAZ vom 19. Dez. 2016 Marienfriedhof und Parkplätze

Die Debatte über den Bau von Parkplätzen hat den Marienfriedhof ins öffentliche Blickfeld gerückt. Doch welche Bedeutung hater überhaupt? Wie ist er entstanden?

Von Wiebke Barth

Hildesheim. Die Einweihung des Marienfriedhofs wurde mit großem Publikum gefeiert; die ganze Stadt nahm daran Anteil: Am 12. August 1834 läuteten morgens früh die Glocken aller Kirchen Hildesheims. Jeweils ein katholischer und evangelischer Geistlicher, begleitet von Schuljungen beider Konfessionen und Tausenden von Einwohnern sollen dabei gewesen sein. Am Tag der Einweihung fanden auch die ersten Bestattungen auf dem neuen Friedhof statt. Die Erste, die auf dem früheren Ackerland ihre letzte Ruhestätte fand, war Maria Charlotte Herdtmann. Nach ihr, undnicht etwa nach der Jungfrau Maria,  ist der Friedhof benannt.

Der Marienfriedhof liegt in einer Art Dreieck, das im Westen von der Lüntzelstraße, im Norden von Butterborn und im Osten beziehungsweise Süden von der gleichnamigen Straße begrenzt wird. An der befindet sich unter anderem die Agentur für Arbeit (oberer Bildrand). Foto PixiSky.de

Heute lassen viele Hildesheimer den einstigen Friedhof unbeachtet links liegen, wenn sie auf dem Weg zum Bahnhof daran vorbeifahren. Für die Anwohner der Nachbarschaft dagegen ist die Grünanlage vor allem an schönen Sommertagen ein beliebter Ort; junge Leute und Familien breiten auf den Wiesen ihre Decken aus. An einem kalten Winternachmittag sieht man vor allem Fußgänger und Radfahrer, die den Park als Abkürzung nutzen.

Der Marienfriedhof ist im 19.  Jahrhundert entstanden, weil andernorts die Grabplätze knapp wurden. Der 1812 eingerichtete Johannnisfriedhof war schon nach 20 Jahren voll belegt. Die Stadt legte die neue Ruhestätte auf zwei Hektar Ackerland an – ringsum gab es damals nur freie Fläche. Der Bau der Eisenbahn begann erst 1844.

Die Stadtführerin Gabriele Lüken kennt sich aus auf dem Marienfriedhof: Im Rahmen eines Volkshochschulkursesin den Jahren1989/1990 verfasste sie einen umfangreichen Aufsatz über die Geschichte  des Friedhofs. „Der Marienfriedhof bedeutet ein Stück Stadtgeschichte, das verdient, erhalten zu werden“, meint Lüken. Den Gedanken, einen Teil davon in einen Parkplatz zu verwandeln, lehnt sie daher ab. Gerade die von den Plänen betroffene Südseite des Friedhofs sei der Kern der Anlage: In der Nähe steht noch das steinerne Totenhaus, in dem die Verstorbenen drei Tage aufgebahrt wurden, um sicherzugehen, dass sie nicht lebendig begraben würden, berichtet Gabriele Lüken.

Am südlichen Rand befinden sich auch die Grabmäler für sechs Mitglieder der bekannten Hildesheimer Familie Lüntzel. Sie sind heute von Brombeerranken überwuchert.  Das Grabmal des Hildesheimer Ehrenbürgers Carl Baron von Beaulieu-Marconnay befindet sich ebenso auf dem Marienfriedhof wie das der Gründerin der Hildesheimer Blindenmission, Luise Cooper, oder der Grabstein für Ernst Ohlmer, der dem Roemer-und-Pelizaeus- Museum eine Sammlung chinesischen Porzellans hinterließ. Die Grabmäler und Grabplatten sind teilweise zwischen Gebüsch  und unter Gestrüpp kaum noch auszumachen, manche Steine schon ganz schwarz. Jetzt im Winter, unter kahlen Bäumen und beim Geräusch kreischend auffliegender Krähen verbreiten sie eine nachdenkliche Stimmung.

Hinzu kommt, dass dem Marienfriedhof kein sehr guter Ruf anhaftet. In den 1930er Jahren wurde der Friedhof in einen Park umgewandelt; schon in den 1950er Jahren musste er offener gestaltet werden, weil Eltern um ihre Kinder auf dem Schulweg fürchteten. Seit den späten Kiffer, ein Image, das er bis heute nicht ganz losgeworden ist. Dabei hat sich der Marienfriedhof  schon mehrmals – in den Jahren 2008, 2010 und 2012 – in einen Lyrikpark verwandelt: mit Lesungen, Installationen und Aktionen, die Besucherbeim Spaziergang durch den Park entdecken konnten. Im Jahr  14 machte das Kulturfabrik-Projekt „Kubus“ die Grünanlage zur Künstlerwerkstatt und Ausstellungsfläche.

Den Marienfriedhof aufwerten, mehr nutzen und bewerben, das ist auch im Sinne des CDU-Stadtverbands. Der Park sei ein „Kleinod“ mit ungenutztem Potenzial, findet Mirco Weiß, stellvertretender Vorsitzender der Hildesheimer Christdemokraten.  Schon aus Pietätsgründen verdiene der Friedhof eine Aufwertung, beispielsweise durch bessere Beleuchtung. Die würde auch das subjektive Sicherheitsempfindenerhöhen, die Anlage werde von Bürgern mehr genutzt und könnte auch in das Stadtmarketing einbezogen werden.

Eine Aufwertung des Parks würde ich auch SPD-Ratsherr Detlef Hansen wünschen. SPD und Grüne wären aber bereit, ein kleines Stück vom Grün dafür zu opfern: Nicht so viel wie von der Verwaltung geplant,aber genug für 13 bis 17 Stellplätze.Es handele sich um eine Fläche von deutlich unter zwei Prozent des Parks, betont Hansen. 200000 Euro Mehrkosten in Kauf zu nehmen, um die zu retten, sei in Anbetracht der finanziellen Lage der Stadt unverhältnismäßig, findet der Ratspolitiker.

Das sieht der Ornithologische Verein Hildesheim anders. Neben Gastvögeln und Durchzüglern hat der OVH 22 Vogelarten ausgemacht, die auf dem Marienfriedhof brüten, darunter die seltenen Arten Girlitz und Gartengrasmücke. Auch geht der Verein davon aus, dass Fledermäuse in den Bäumen zu Hause sind. Maren Burgdorf vom OVHVorstand denkt aber auch und besonders an die Menschen. Der Park werde viel genutzt, esgebe in der Nähe keine andere Grünanlage. Und selbst wenn sich einiges daran verbessern ließe: „Der Park an sich ist schon schön, besonders zur Zeit der Frühblüher.“ Wenn nun ein Stück dieses Grüns geopfert werde, dann sei es für immer verloren, gibt Burgdorf zu bedenken. Und wer wüsste schon, ob nicht bald wieder irgendwelche Sachzwänge ein Stück vom Marienfriedhof fordern würden.

Der schlechte Ruf ist ungerecht: Kaum Straftaten

Wenn Hildesheimer den Namen Marienfriedhof hören, denken viele von ihnen an Drogen. Doch tatsächlich liegen die Zeiten, als das Gelände als eines der größten Umschlagsplätze für Rauschgift in der Stadt galt, schon lange zurück. Zwar dient der Park nach Erkenntnissen der Polizei auch heute noch hin und wieder als Ort für Drogengeschäfte jedweder Art. „Aber der Marienfriedhof ist keineswegs ein Brennpunkt“, versichert Kristin Schuster, Sprecherin der Hildesheimer Polizei. Nach deren Unterlagen geschehen in dem Park auch ansonsten in den vergangenen Jahren eher wenig Straftaten – für das Jahr 2015 weist die Statistik gerade zwei Einträge aus: eine Körperverletzung, ein Diebstahl – das war’s. Auch in den Jahren zuvor ließen sich die Verfahren zumeist an einer Hand abzählen, neben Drogen-Delikten und Körperverletzungen war auch die eine oder andere sexuelle Nötigung darunter. Sorten sich in den 1950er- Jahren noch die Eltern der Schüler der Bahnhofsschulewegen möglicher Übergriffe, taucht dergleichen schon lange nicht mehr in den Akten auf. Ohnehin müsse niemand Angst auf dem Marienfriedhof haben, meint Frank Meißner, der zuständige Kontaktbeamte der Polizei. Er ist in dem Park regelmäßig unterwegs und sehe häufig Kinder, die darin spielten. „Das ist eine sehr schöne Grünanlage“, findet Meißner. Und eine, die in Sachen Straftaten überhaupt

Verkauf der Bahnhofschule und die Folgen

Auslöser des wachsenden Interesses der Öffentlichkeit und vieler Hildesheimer am Marienfriedhof ist ein Grundstücksgeschäft der Stadt: Sie hatte vor einigen Monaten dem Käufer der Bahnhofsschule zugesichert, für ihn 30 Parkplätze in der Nähe zu schaffen. Damals dachte die Verwaltung an den Parkplatz gegenüber der Justiz, doch dort enststeht nun ein Neubau für das Job- Center. Als wirtschaftlichste Alternative hat die Verwaltung der Politik den Marienfriedhof vorgeschlagen. Dagegen gibt es großen Widerstand. br

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