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Beitrag zu einer Veranstaltung im Bischöflichen Generalvikariat des Bistums Hildesheim am 18.11.2016

Bericht von Wilhelm Breuer

Am 15. Januar 2016 schreibt Dr. Brehm aus Hildesheim:  „Die Uhubalz hat vermutlich begonnen. Heute gegen 21:15 Uhr waren zunächst lang anhaltende Uhurufe am Domhof zu hören. Schließlich flog ein Uhu in die bekannte Öffnung des Westwerks hinein und setzte sich dann an die Öffnung.“ Ende Februar 2016 sitzt das Uhuweibchen im Westwerk des Hildesheimer Domes – brutbereit oder bereits brütend in einem nagelneuen komfortablen Zuhause, das dort Ende 2015 eigens maßangefertigt eingebaut worden ist. Die Kosten für den Kasten haben Eulenschützer aus ganz Deutschland aufgebracht. Der neue Kasten ist recht groß und kann mit einer Klappe zum Dachboden hin geöffnet werden, so dass die jungen Uhus ausreichend Platz für erste Flugversuche haben und nicht vorzeitig das Westwerk verlassen müssen. Mit jedem Tag, den die Jungen als Infanteristen auf dem geschützten Dachboden verbringen, verbessern sich ihre Überlebenschancen.

Die Brut ist gescheitert

Das Uhuweibchen legte drei Eier. Seit März war die Webcam am Kasten für die Öffentlichkeit online, für Insider auch schon früher. Am 26. März 2016 ist nur noch ein Ei vorhanden. Nun richten sich alle Hoffnungen auf das verbliebene eine Ei.

Dom-Uhu-Webcam-Aufnahme am 26. März 2016

Am 06. April 2016 schreibt die Webcam-Zuschauerin Frau Sidler aus der Schweiz: „Gestern Morgen konnte ich beobachten, wie die Uhumutter das Ei im Schnabel vom angestammten Brutplatz weggetragen hat, zuerst in die linke hintere Ecke, danach in die vordere rechte Ecke, unterhalb der Webcam. Während des ganzen Tages sah man aus dem toten Winkel jeweils nur einen Flügel oder die Ohrbüschel, d.h. dann war sie offenbar noch am Brüten. Am Abend, so nach 20 Uhr, ist Frau Uhu dann unruhig in der Kiste herumgelaufen und dann lange in der Mitte stehen geblieben. Sie flog ein, zwei Mal raus und kam wieder zurück. Aufs Ei legte sie sich nicht mehr. Nach längerem Stehen in der Mitte der Box ist sie dann gegen 21 Uhr endgültig ausgeflogen. Ich habe noch bis in die Nacht hinein beobachtet, aber sie kam nicht mehr zurück. Seit heute Morgen liegt die Kiste verlassen da und ich konnte keine Bewegung mehr ausmachen. Ich befürchte das Schlimmste, nämlich, dass das Uhupaar ihr Ei (es war ja nur eins) aufgegeben hat.“

Am 07. April 2016 entschließen sich Herr Selke-Witzel und ich, im Kasten nachzusehen. Wir finden in einer nicht von der Webcam erfassten Ecke des Kastens ein Ei. Das Ei weist eine große Öffnung auf. Im Ei steckt ein weit entwickeltes totes Küken. Vom zweiten und dritten Ei ist nichts zu sehen. Der Verbleib ist bis heute unklar.Auch warum es das Küken aus dem verbliebenen Ei nicht geschafft hat, bleibt ein Rätsel. Vielleicht handelt es sich beim Weibchen oder bei beiden Brutpartnern um noch unerfahrene Vögel, also nicht um das erfahrene Brutpaar des Vorjahres bzw. der Vorjahre. Dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass etwas schiefgeht. Von einem Nahrungsmangel, der hätte für die Misere verantwortlich sein können, kann sicherlich nicht gesprochen werden. Für einen Nahrungsmangel gab es hier keine Anzeichen. Wir setzen nun die Hoffnungen auf die Brutzeit 2017. Dass der Brutplatz im Westwerk des Domes ein komfortabler Platz für Uhus ist, steht außer Frage.

Der Blick über Hildesheim hinaus

Schauen wir aus dem Westwerk der Hildesheimer Bischofskirche hinaus. Nicht nur am Hildesheimer Dom scheiterte 2016 eine Uhu-brut. Auch in vielen anderen Teilen Deutschlands war der Bruterfolg ungewöhnlich gering. Viele Uhus haben erst gar nicht mit der Brut begonnen.Blicken wir beispielsweise ins von Hildesheim 30 Kilometer entfernte Weser-Bergland: Hier brüteten von 95 Revierpaaren nur 15 Paare erfolgreich. Im Jahr zuvor waren es 63. In diesem Jahr wurden nur 31 Jungvögel flügge, im Vorjahr 124 (also viermal so viele). Diese Informationen stammen von Kersten Hänel, der die Uhus dort im Blick hat.

Ganz ähnlich in der von Hildesheim 300 Kilometer entfernten Eifel: Dort gab es im letzten Jahr 145 erfolgreiche Bruten. Dieses Jahr nur 90. Wurden hier im letzten Jahr 361 Uhus flügge, waren es in diesem Jahr nur 173, also weniger als die Hälfte. Wir könnten die Aufzählung aus anderen Gebieten Deutschlands leicht fortsetzen – mit immer demselben Ergebnis: Viele Uhus haben erst gar nicht gebrütet. Kam es zu Bruten, waren diese häufig nicht oder wenig erfolgreich. Solche Schwankungen sind so außergewöhnlich nicht. Dasselbe Bild zeigt sich übrigens auch bei anderen Eulenarten.

Woran mag das liegen? Nun, der Witterungsverlauf und die Nahrungs-Ressourcen dürften die verantwortlichen Faktoren sein. Ich zitiere hier stellvertretend aus dem Bericht der EGE für die Eifel: „Viele Uhuweibchen wurden schon wären des Brütens so schlecht vom Männchen mit Nahrung versorgt, dass sie die Brut abbrachen. Neu war 2016 aber, dass es zur Aufgabe auch dort kam, wo bereits Jungvögel geschlüpft waren. Viele Junguhus verhungerten aufgrund der schlechten Nahrungssituation. In der Brutsaison 2016 kamen viele für Uhus negative Effekte zusammen: In einem normalen Frühjahr steigen die Temperaturen stetig an, und das Leben kommt gewissermaßen in Schwung. Es explodiert geradezu, so dass für Uhus ausreichend Nahrungs-tiere zur Verfügung stehen, wenn Junge zu versorgen sind.

 Im Frühjahr 2016 gab es jedoch immer wieder Kälteeinbrüche. Später gab es viele Niederschläge. Mancherorts ertranken die Mäuse, das Gras auf den Wiesen wuchs rasch, konnte aber wegen der Nässe nicht gemäht werden und bot den Nahrungstieren der Uhus gute Verstecke, was den Uhus das Jagen erschwerte. Zudem regnete es während vieler Nächte, so dass die Uhus die Beutetiere wegen des prasselnden Regens schlecht akustisch orten konnten. Auch ist das Eulengefieder nicht so recht für das Fliegen bei Regen gemacht.

 In den vergangenen 20 Jahren verschlechterte sich die Nahrungsverfügbarkeit bei steigenden Uhubeständen: Nachteilig dürfte sich auswirken, dass es in der Eifel kaum mehr Igel gibt. Vielleicht ist dies auch eine Folge der vielen Verkehrsopfer oder des Biozideinsatzes in der Landwirtschaft. Die Kaninchenbestände sind dramatisch gesunken, und die wenigen Kaninchen, die es noch gibt, sind auf der Hut. Ringeltauben und Krähen dürften sich inzwischen das Übernachten auf Stromleitungen abgewöhnt haben; zu groß ist die Gefahr, dass Uhus sie des Nachts buchstäblich von der Leitung pflücken.

 Die Verknappung der Nahrung ist aber vor allem eine Folge der Landwirtschaft. Das Leben wird rar auf dem Feld. Es hat sich mit dem massiven Einsatz von Bioziden und dem Vervielfachen der mit Mais bestellten Fläche buchstäblich vom Acker gemacht.“

Zurück zu den Hildesheimer Domuhus

Das Scheitern der diesjährigen Uhubrut am Hildesheimer Dom können wir allerdings nicht auf Witterungsverlauf und Nahrungsengpässe zurückführen. In städtischen Gebieten ist die Nahrungsversorgung für Uhus eher besser. Das ist ja der Grund, warum die Uhus zunehmend die Stadt als Lebensraum entdecken oder wohl zutreffend: wiederentdecken.

Denn schon in früheren Jahrhunderten trat der Uhu auch als Bauwerksbrüter in Erscheinung, vor allem an felsähnlichen Burgen. Erst die massive Verfolgung verdrängte den Uhu in entlegene, schwer zugängliche Gebiete, was den Eindruck entstehen ließ, der Uhu sei natürlicherweise auf solche Gebiete beschränkt.

Die Zahl der Bauwerksbruten ist in Deutschland deutlich gestiegen (so von mehr als zehn im Jahr 1990 auf mehr als 50 im Jahr 2015). Das Spektrum reicht von historischen Gebäuden wie Burgen, Ruinen und Kirchen bis zu Industriebauten, Brücken und Fernmeldetürmen und umfasst zunehmend urbane Räume und Großstädte. Dort dürfte mehr Nahrung verfügbar sein (Tauben, Wanderratten, an Gewässern Wasservögel) als in vielen Gebieten des ländlichen Raumes. Allerdings sind die Bruten im städtischen und urbanen Umfeld aufgrund menschlicher Aktivitäten spezifischen Störungen ausgesetzt, die zum Scheitern von Bruten oder Verlust von Jungvögeln führen können. Maßnahmen, die solche Störungen begrenzen können, erfordern häufig beträchtlichen Aufwand. Diese Schwierigkeiten haben wir ja 2014 bei der Sanierung des Domes in Hildesheim erlebt und gemeistert!

Die in den letzten Jahren beeindruckend positive Bestandszunahme beim Uhu in Deutschland, die gerne als Erfolgsgeschichte apostrophiert wird, ist vor allem auf Wiederansiedlungsprojekte und die Überwindung direkter Verfolgung zurückzuführen. Das Leitbild der Landwirtschaft ist keineswegs nur in Deutschland, sondern im gesamten Gebiet der Europäischen Gemeinschaft, der „saubere Acker“ mit fatalen Folgen für die Nahrungsbasis für Arten wie den Uhu. Freuen wir uns umso mehr, wenn wenigstens die Stadt ein Ort für Uhus ist – zumal wenn sie in der Hildesheimer Domkirche Schutz und Sicherheit finden.

Anschrift des Verfassers:

Dipl.-Ing. Wilhelm Breuer, EGE – Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen e. V. www.ege-eulen.de  E-Mail egeeulen@t-online.de