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Aus der HAZ vom Montag, 23. Januar 2017 Der angepasste Einwanderer

Neugierig, hungrig, hartnäckig: Der Waschbär hat sich in Deutschland etabliert – aber nicht jeder möchte ihn haben

Von Valea Schweigen

Das Tier ist mit nur einem Wort gut zu beschreiben: putzig. Dieses Gesicht! Das Fell! Die Öhrchen! Man möchte sich den  Waschbär auf den Schoß setzen unordentlich durch kraulen.In den allermeisten Fällen bleibt  es natürlich beim reinen Wunschdenken. Der Waschbär hat schließlich überhaupt keine Lust auf irgendwelchen Schößen zu sitzen. Schon gar nicht dann, wenn er abends aus seinem Versteck getrottet kommt. Tagsüber versteckt er sich und hält Nickerchen, nachts überkommt ihn der kleine Hunger. Und dann geht es los! So ein Waschbär, der ist sich für wenig zu schade: Fische, Frösche, Vögel, Mäuse, gern auch mal eine Nuss oder saftiges Obst. Und wenn er seinen Lebensraum in der Nähe des Menschen eingerichtet hat, freut er sich über einen gut zugänglichen Kompost, geöffnete Mülltonnen oder auch Fressnäpfe, die mit Hunde- oder Katzenfutter gefüllt sind. Kurzum: Was das Fressen angeht, ist der Waschbär ziemlich flexibel und durchaus anpassungsfähig.

Und das gilt nicht nur fürs Fressen. Das ganze Waschbären-Dasein ist geprägt durch seine Anpassungsfähigkeit. Immerhin ist der Waschbär ein waschechter Einwanderer. Das Tier aus der Familie der Kleinbären stammt ursprünglich aus Nordamerika und wurde in den 1920/30er Jahre nach Deutschland gebracht – weil man sein Fell eben schätzte. Mitte der 1930er Jahre wurde ein Waschbären-Pärchen am Edersee bei Kassel ausgesetzt, und der Siegeszug der kleinen Bären begann. Er breitete sich vor allem in Hessen rasant aus. Nach Kriegsende schenkte eine Pelzfarm östlich von Berlin einigen Tieren die Freiheit – und so kommt es, dass der Waschbär auch rund um die Mecklenburgische Seenplatte seine Pfötchen Pfötchen ins Wasser hält, um Futter zu fangen. Und heute? Leben schätzungsweise mehr als eine halbe Million Waschbären in Deutschland. Selbst im Harz sind sie anzutreffen.

Einige Menschen würden den Waschbären wohl auch mit einem anderen Wort beschreiben: nervig. Das gilt insbesondere für jemanden, auf dessen Dachboden sich schon einmal ein Waschbär eingenistet hat: Dort bleibt kein Stein auf dem anderen stehen! Waschbären können enorme Schäden anrichten, eben gerade weil sie keine Scheue vor der Nähe zum Menschen haben. Im Gegenteil: Der Mensch ist eben auch ein Nahrungsmittellieferant. Auch so manch ein Garten wurde vom Waschbär schon einmal umgegraben. Wer sich den possierlichen Bären vom Leib halten möchte, muss vor allem darauf achten, seine Mülltonnen stets verschlossen zu halten und dem Tier keine Gelegenheit zu bieten, am Haus empor klettern zu können. Denn klettern, das kann der Waschbär wirklich richtig gut.

Der Allesfresser wird bis zu zehn Jahre alte und wiegt maximal acht Kilo. Die Weibchen sind sehr sozial und leben gern in Gruppen zusammen, die Männchen wiederum sind wahre Einzelgänger. Einmal im Jahr treffen die Geschlechter aber aufeinander: Und dann gibt es Nachwuchs. Bis zu fünf Jungtiere ziehen Waschbären jedes Jahr groß, im Frühjahr kommen die Kinder zur Welt. Monatelang werden die Nachkommen dann liebevoll groß gezogen und mit ihrer Umwelt vertraut gemacht. Eines lernen sie dann natürlich auch: mit den Pfoten im Wasser geschickt nach Fischen zu fangen. Denn im flachen Gewässer nach Futter zu tasten, das hat dem kleinen Bären tatsächlich auch seinen Namen gegeben. Es sieht nämlich so aus, als würde sich der possierliche Allesfresser waschen. Putzig. Wirklich!
Anmerkung (AH)

Ein netter Aufsatz! Doch ich denke, es lohnt sich einen erweiterten Blick auf das possierliche Tierchen zu werfen. Der Waschbär ist nicht irgend ein Einwanderer. Die Tiere sind bewusst um 1934 in die Landschaft ausgesetzt worden . Die beim Edersee ausgesetzten Tiere konnten sich während der Kriegsjahre sesshaft machen. Der Kreis Hildesheim wurde schon vor etwa 50 Jahren besiedelt. Ich selbst habe schon vor 1970 am Heber ein en Waschbär gesehen. Wie praktisch alle solche gut gemeinten Einbürgerungen von fremden Tieren oder Pflanzen, ist dies Projekt richtig da neben gegangen.

Es spielt keine Rolle, ob man über Waschbären, Marderhunde, Nerze, Bisamratten, Kanadagänse oder Nilgänse, das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera), auch als Rotes Springkraut oder Himalaya-Balsamine bekannt, u.v.a.m. spricht. Das Aussetzen von Tieren und Pflanzen aus entfernten Erdteilen zeigt nahezu immer für die lokale Natur sehr nachteilige Nebenwirkungen – kurz gesagt: „Geht daneben“. Diese Neozoen oder Neophyten haben keine Feinde in der neuen Umgebung und vermehren sich auf Kosten der einheimischen Tiere und Pflanzen. Es passiert nicht bei allen Neulingen, die meisten Umsetzungen funktionieren nicht, weil die neuen Ansiedler keine geeigneten Lebensbedingungen vorfinden. Wehe, wenn dies aber der Fall ist.  Bei dem Waschbär aus Nordamerika und dem Marderhund aus China ist dies der Fall. Diese Tiere finden hervorragenden Bedingungen bei uns.

Der erfolgreichste Neozoon der Neuzeit unter den Säugetieren ist mit Abstand der Waschbär. Dieses mit dem Marder verwandte Art gehört zur Überfamilie der Handartigen (Canoidea),  zu der u.a. Bären, Seehunde, Robben, Hunde und eben Marder gehören. Was den Waschbär wirklich für unsere heimische Fauna gefährlich macht, ist seine Vielseitigkeit.

Waschbären erbeuten Frösche, Lurche und Fische aus Gewässern, sowie jede Art von am Boden lebenden Kleintieren,  vom Käfer über Würmer bis hin zu Vögeln und Mäusen. Es wurde schon beobachtet dass, sich einzelne Waschbären auf solche seltenen Amphibien wie Rotbauchunken und Knoblauchkröten spezialisiert haben.  Waschbären sind extrem gute Kletterer und können bis in den Baumspitzen klettern. Damit erreichen sie die Nester praktisch aller in Bäumen brütenden Vogelarten. In der Feldmark ist der „possierliche” Tier der wichtigste Predator der brütenden Rotmilane – eine streng geschützte Vogelart von der rd. 60% des Bestandes in Deutschland lebt. Wir also eine ganz besondere Verantwortung hier haben.

Der Waschbär breitet sich immer schneller aus und in den eroberten Gebieten nimmt der Bestand rapide zu. Es gibt keine Monitoring-Ergebnisse zur Bestandsdichte des Waschbärs. Die „Messlatte“ sind die Landesjagdberichte der Landesjägerschaften.  In den letzten 20 Jahren ist die Strecke in Niedersachsen von wenigen 100 Stuck auf knapp 10000 in 2015 gestiegen. Davon 446 in Hildesheim.

Aus dem Jagdstreckenbericht 2014/15 Landesjägerschaft Niedersachsen

Dies ist wohl nur die Spitze des Eisbergs, da nur wenige Jäger tatsächlich Waschbären jagen. Dies wird in der Regel mit Hilfe von Lebensfallen gemacht. In einer Falle in einem Schutzgebiet der Paul-Feindt-Stiftung wurden vor 3 Jahren 35 Stück in einem Jahr gefangen. Es wird berichtet, dass in einer Falle nördlich von Hildesheim bis 50 Stuck in einem Jahr gefangen worden sind. Wie eine Reihe von anderen Prädatoren hat der Waschbär die Vorzüge des urbanen Lebens entdeckt. Zum Beispiel besuchen bis  zu 3 Waschbären beinahe täglich einen Vogelfutterplatz im Bockfeld.

Nein, dieses possierliche und in der Tat wunderschöne Tier ist aus unserer Sicht in  unseren Ökosystem alles anders als willkommen. Ein guter Mitbürger wird er nicht. Es gilt der Waschbär gezielt zu bekämpfen!