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Aus der HAZ vom 10 Juni 2017 – Wo die dicksten Schinken wachsen

Von Marita Zimmerhof

Hildesheim. Wer die Natur genießenwill, findet in einem neuen Buch aus dem Verlag Gebrüder Gerstenberg Anregungen für 33 botanische Wanderungen. Der Titel ist aber weit mehr als nur ein Wanderführer: Es ist eine Bestandsaufnahme der heimischen Flora, eingebettet in zahllose Informationen über Geologie, Geografie und Entwicklungsgeschichte.

So schön kann sich der Stichkanal zeigen. Foto M. Burgdorf

Manche Pflanzenführer bringen Laien schnell an ihre Grenzen, andere lassen den Leser kaum klüger zurück. Dieses Buch ist anders: Mehr als fünf Jahre haben die besten Botaniker der Region daran gearbeitet, um mit einem wissenschaftlich anspruchsvollen und dennoch leicht verständlichen Buch Lust auf Natur zu machen. „Neulich waren Botaniker aus Schwerin hier, denen habe ich gleich eine Karte in die Hand gedrückt – und obwohl sie die Gegend nicht kannten, haben sie sich prima zurechtgefunden“,sagt Bernd Galland, Vorsitzender der Paul- Feindt-Stiftung, die den botanischen Wanderführer in ihre Schriftenreihe „Natur und Landschaft im Landkreis Hildesheim” eingliedert.

Einbezogen sind die Naturräume Hildesheimer und Calenberger Börde, Innersteund Leinebergland sowie die Stadt Hildesheim. Für jede Wegstrecke gibt es eine Karte mit Ziffern für Besonderheiten am Wegesrand. Flüssige Texte vertiefen die Informationen, schildern in spannenden Zeitreisen die Entstehung der Landschaft, ihre heutige Ausprägung, die Flora und Fauna. Mehr als 350 brillante Farbfotos machen das Buch zur Augenweide.

Die Wurzeln dieses fesselnden Bildbands reichen indes viel weiter zurück: 1981 bot der Botaniker Dr. Heinrich Hofmeister, damals Hochschullehrer in Hannover Hannover, an der Volkshochschule einen Einsteigerkursus zur Botanik an. „Er kam mit einem Strauß Feldblumen in der Hand, die wir dann bestimmt haben“, erinnert sich Maren Burgdorf, die damals in Sachen Botanik noch ein echter Grünschnabel war.

Hofmeister fesselte die Runde so sehr, dass noch im selben Jahr eine Botanikgruppe unter dem Dach des Ornithologischen Vereins (OVH) gegründet wurde. Hofmeister wurde Vorsitzender – bis er das Amt 2006 an die inzwischen äußerst versierte Maren Burgdorf übergab. Auf unzähligen Exkursionen haben die Botaniker seither die Pflanzen der Region bestimmt. Blütenpflanzen ebenso wie Farne – kurz: alles, was grünt und blüht, außer Moose und Flechten.

Bis 2012 waren 1400 Arten erfasst – auch Neophyten, bedrohte, streng geschützte und verschollene Pflanzen, die seit zehn Jahren von niemandem mehr gesehen worden sind. Die Datensammlung des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz vervollständigt die einmalige Dokumentation.

Sie findet sich jetzt im Anhang wider, zusammen mit einer Übersicht über die hiesigen Pflanzengesellschaften und Grundsatzartikeln zum ehren- und hauptamtlichen Naturschutz. Der weitaus größte Teil aber widmet sich den Spaziergängen. Jede Wegstrecke ist getestet, keine erfordert einen Gewaltmarsch, einige sind sogar rollstuhltauglich. 15 Autoren haben Beiträge verfasst: über „die schönsten Kalk-Buchenwälder Niedersachsens“, „Erlenbruchwälder und Quellsümpfe“, eine „Waldinsel in der Agrarlandschaft“ oder „Naturoasen an der Wasserstraße“. Der Leser erfährt, warum die dicksten Schinken auf Bäumen wachsen, welcher Naturschatz sich unter rauer Borke verbirgt, wo sich Enziane und Bläulinge ein Stelldichein geben. Die dicksten Schinken bekamen Schweine übrigens, wenn sie in die Eichelmast getrieben wurden, wie etwa am Mastberg

Burgdorf und Waltraud Hofmeister, Ehefrau des 2014 verstorbenen Heinrich Hofmeister, haben „die Sklavenarbeit der Redaktion“ (Galland) erledigt. Gewidmet aber ist dieses Buch Dr. Heinrich Hofmeister, der noch Tage vor seinem Tod für diese Publikation gearbeitet hat –  und ohne dessen Volkshochschulkursus es das Werk wohl nicht gegeben hätte

Info : „Die Pflanzenwelt rund um Hildesheim“, Gebrüder Gerstenberg, 224 Seiten, gebunden, 24,90 Euro. ISBN 978-3- 8067-8825-9.