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Vermehrungs-Trend der Tiere birgt Risiken für Mensch und Natur

Von Jo-Hannes Rische

Landkreis Hildesheim. Er ist etwa einen halben Meter lang, hat einen buschigen Schwanz und sein schwarz-weißes Gesicht hebt sich vom grauen Körper ab: der Waschbär. Dass das Tier auf dem Vormarsch ist, wäre eine Untertreibung. Inzwischen sehen nicht wenige in der rasanten Ausbreitung des Waschbären eine Plage, die kaum noch zu stoppen ist.

Er kommt fast überall hoch: Der Waschbär breitet sich auch in Niedersachsen rasant aus. FOTO: PAUL ZINKEN/DPA

Ursprünglich ist der Waschbär in Nordamerika beheimatet. Dass er es sich in den vergangenen Jahrzehnten in Europa bequem gemacht hat, geht nachweislich auf die Aussetzung zweier Waschbärenpaare am hessischen Edersee im Jahr 1934 zurück. Es wird angenommen, dass alle Artgenossen in Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – man geht von über einer halben Million aus – die von diesen vier Tieren abstammen. „Es ist eine regelrechte Vermehrungs-Explosion“, bestätigt Hildesheims Kreisjägermeister Joachim Algermissen. Vor zehn Jahren seien es im Jahr zehn geschossene Waschbären gewesen, heute sind es über 1000. „Dabei ist es nicht einmal eine systematische Jagd, sie sind nur Beifang“, sagt Algermissen. Das Problem ist auch in der Politik angekommen. Der Landkreis Hildesheim informiert und warnt derzeit im Internet vor dem nachtaktiven Tier, dass für so manchen Ärger sorgen kann. Mit Hilfe ihrer geschickten Pfoten und den langen Fingern, die in ihrer Funktion den menschlichen nicht unähnlich sind, können die Allesfresser an Bäumen und Fassaden klettern und Verschlüsse wie die von Mülltonnen öffnen. Durch ihre sehr feine Nase riechen sie potenzielle Nahrung aus großer Entfernung. Sie würden dabei einen Heidenlärm und vieles kaputtmachen, bringt es Algermissen auf den Punkt. Gerne quartiert sich ein Waschbär auch auf Dachböden ein, wo er geräuschvoll und geruchsvoll seinen Instinkten nachgeht. „Er frisst auch Fleisch, bringt Vögel oder Kleintiere mit“, so Algermissen. Nach nur wenigen Tagen sei der Gestank fast unerträglich, ebenso, wenn der Waschbär selbst innerhalb des Hauses stirbt. Da der Waschbär gerne in der Nähe von Gewässern – Flüssen, Seen oder Teichen – lebt, sind gerade dort die heimischen Tierarten bedroht. Unter anderem die vom Aussterben bedrohten Arten Gelbbauchunke und Edelkrebs stehen auf der Speisekarte des Waschbären. „Um Kröten über die Straße zu helfen, werden Systeme benutzt, die die Kröten in Eimer leiten, um sie später hinüberzutragen“, sagt Algermissen. Fatal, denn: „Die Eimer sind dann teilweise leergefressen.“ Für die Waschbären sei ein solches Angebot ein Traum. Doch nicht nur wilde Tiere, auch Haustiere sind gefährdet. Da der Waschbär bei Bedrohung sehr aggressiv reagieren kann und es bestätigte Fälle gibt, in denen ein Aufeinandertreffen tödlich für das Haustier endete. Ein weiteres Problem – auch für den Menschen – sind bakterielle Erkrankungen wie Salmonellen oder der Waschbär-Spulwurm, die durch Kontakt mit dem Tier oder seinem Kot auftreten können. Mindestens empfohlen wird beim Beseitigen von Exkrementen Schutzkleidung, im besten Fall sollte jedoch ein Spezialist herangezogen werden. Bei lebenden Waschbären ist diese Vorgehensweise sogar Pflicht. Die Bejagung beziehungsweise die Eindämmung der Waschbärenpopulation gestaltet sich letztendlich aber als schwierig. Immerhin setzte eine EU-Verordnung den Waschbären 2014 auf die Liste der invasiven Arten, sprich einer Art, die negative Einflüsse auf die heimische Natur hat. Da der Waschbär aber zunehmend in städtischen Raum vordringt und dort das Jagen nicht erlaubt ist, stehen Politik und Jäger vor einem Problem. „Es gibt Pläne und Ideen, aber mal abwarten, ob das so funktioniert“, gibt sich Algermissen skeptisch.

Waschbär im Haus – und nun?

Sollte jemand in oder an seinem Haus einen Waschbär entdecken, bleibt nur der Griff zum Telefonhörer. Betroffene können sich unter der Nummer 0 51 21/30 9-38 92 an Sebastian Grille von der Hildesheimer Jagdbehörde wenden. Denn die Tiere selber zu fangen oder zu töten, ist nicht nur gefährlich, sondern auch eine Straftat. Nur mit einem speziellen Schein, der zusätzlich zum Jagdschein gemacht werden muss, dürfen Fallen aufgestellt werden. Haustiere sollten vom Waschbären ferngehalten werden, aber auch der Mensch selber sollte den Kontakt möglichst vermeiden. Zudem wird empfohlen, Mülltonnen fest zu verschließen und keine Nahrungs-Abfälle auf den Kompost zu werfen, um dem Waschbären die Nahrungssuche zu erschweren. jha

©Hildesheimer Allgemeine Zeitung 19.10.2018