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Schätze vor unserer Haustür: Aus der HAZ vom 22. Aug. 2020

In Stadt und Kreis gibt es viele landschaftliche Besonderheiten, um die uns Naturliebhaber aus anderen Regionen beneiden. Die HAZ stellt sehenswerte Naturreservate vor. Heute: Am Roten Steine an der Innerste-Au

Von Marita Zimmerhof

Zwischen Ochtersum und der Marienburger Höhe erstreckt sich das Naturschutzgebiet „Am Roten Steine“, das der Lebensraum viele seltenere Arten ist. Alle Fotos Werner KaiserGlaubt man der Legende, ist der Rote Stein, der nordöstliche Innerste-Hang zwischen der Domäne Marienburg und dem Stadtteil Marienburger Höhe, eine wahre Schatztruhe: Während des Dreißigjährigen Krieges soll der berüchtigte Räuber Schaperjohann irgendwo hier seine güldene Beute hingeschleppt haben. Doch dann kam ein heftiger Regen, der die Quellen und Bäche am Hang üppig sprudeln ließ – und mit einem Erdrutsch den Schatz des Räubers bis zum heutigen Tag verschüttete.

Wenn auf den Hügeln heute eine Goldene Acht entdeckt wird, ist die allerdings keine Preziose aus Schaperjohanns schändlichen Raubzügen, sondern ein kleiner Schatz aus dem Reich der Natur: Die Goldene Acht ist ein hübscher gelber Schmetterling, auf dessen Hinterflügeln ein orangeroter Fleck leuchtet, der wie eine Acht aussieht und dem Falter so seinen Namen gab.

Die Goldene Acht liebt offenes Gelände, Feuchtwiesen und Trockenrasen, auf dem verschiedene Klee- und Wickenarten, Flocken- und Witwenblumen oder auch Oregano gedeihen, damit seine Raupen ausreichend Nahrung finden. All das hat der Falter auf dem knapp 30 Hektar großen Gelände, das seit 1986 Naturschutzgebiet ist und 2017 mit etwas vergrößertem Zuschnitt Teil des europäischen Floren- und Faunen-Habitats wurde.

Pferde als Naturschützer: Sie halten den Bewuchs auf den Wiesen kurz

Elf Pferde und sechs Brillenschafe sorgen dafür, dass die sonnigen Hänge nicht verbuschen. Drei dieser Pferde gehören der Pächterin Elsa Monse, die anderen sind als Einstellpferde bei ihr zu Gast. Seit zehn Jahren kümmert sich die 29-jährige Agrarwissenschaftlerin um ihre Vierbeiner. Und das oftmals intensiver, als ihr lieb ist. Denn obwohl die Tiere auf einem umzäunten Privatgelände stehen, wie Hinweisschilder am Eingang der Weidefläche unmissverständlich klar machen, verwechseln einige Besucher die Weide mit einem Picknickplatz.

Die Folgen sind verheerend: In Erwartung eines Leckerbissens fressen die Tiere gedankenlos weggeworfenen Verpackungsmüll oder auch Lebensmittel, die ihnen überhaupt nicht bekommen. Mehr als einmal schon musste Elsa Monse den Tierarzt holen, einige Fälle endeten in der Tier-Notfallklinik, einige Schafe sind gestorben. Und dennoch sind manche der ungebetenen Gäste unbelehrbar. „Was ich alles zu hören kriege, kann man sich kaum vorstellen“, sagt die Pächterin. Sie wurde bedroht, ihre Zäune hat man niedergetrampelt, Vorhängeschlösser mit Bolzenschneidern geknackt. Ein Großvater rückte tatsächlich mit Sattel und Trense an, um seinem Enkel ungefragt eine Reitstunde auf einem der Pferde zu spendieren.

Gegen Besucher, die sich an der Natur erfreuen wollen, hat Elsa Monse nichts einzuwenden. Und Natur gibt es auf dem Hang, der seit Generationen Weideland ist, reichlich. Schachbrettfalter, Hauhechel-Bläulinge und der Kleine Sonnenröschen-Bläuling flattern über den kurzgefressenen Pflanzenteppich. Zwischen den Halmen krabbeln Heuschrecken, Käfer und Spinnen. Sie alle zu bestimmen, ist eine Aufgabe für Spezialisten – oder für Menschen, die nach einem neuen spannenden Hobby Ausschau halten. Über den Insekten gehört der Luftraum tagsüber Turmfalken, Rotmilanen und Mäusebussarden, nachts machen sich Fledermäuse auf die Jagd. Die Vogelkundler des Ornithologischen Vereins (OVH) haben am Roten Steine aber auch schon den Grünspecht, Wacholderdrosseln, Neuntöter und Eisvögel entdeckt. Denn am Fuß des Hangs zieht gemächlich die Innerste dahin. Wenige hundert Meter flussaufwärts hat die Kalte Beuster, die südlich des Tosmarberges bei Diekholzen entspringt, ihr Wasser dazugegeben. Für den Eisvogel ist der Flusslauf mit seinen steil abfallenden Böschungen ein idealer Lebensraum, denn er baut seine Nester nicht in Bäumen, sondern zieht seine Jungen in Nisthöhlen an Steilufern auf.

Auf den engen Raum verschiedene Biotope: Innerste mit Weichholz-Aue

Ab und zu gleitet vor dem Auenwäldchen auf der anderen Flussseite ein Paddler vorbei. Mit Glück kann man hier auch den Biber sehen, der in Europa fast schon ausgerottet war und nun ganz allmählich in seine natürlichen Habitate zurückkehrt. Doch zwei Schätze von Innerste und Beuster dürften nur die Wenigsten je zu Gesicht bekommen haben: Es sind die Groppe, ein nachtaktiver, etwa 15 Zentimeter langer Grundfisch mit großem, breitem Kopf, und das Bachneunauge, das auf den ersten Blick an einen kleinen Aal erinnert, aber stammesgeschichtlich zu den sehr alten Rundmäulern gehört.

„Hier haben wir noch etwas Schönes und sehr Seltenes“, sagt Maren Burgdorf, die Botanik-Expertin im OVH, und zeigt auf einen stattlichen Bestand vom Deutschen Ziest, einem Lippenblütler mit karminroten Blüten, der sich in einen seidig glänzenden, silbrigen Flaum gehüllt hat. Wegen seiner starken Behaarung und seines herben Geruchs meiden ihn die Weidetiere, und auch die giftige Hundszunge steht nicht auf ihrem Speiseplan, wie die auffällig verschmähten Bestände erkennen lassen. Auch wenn die Vierbeiner verlässliche Helfer beim Erhalt der „Flachland-Mähwiesen“ sind, wie diese Flächen in den FFH-Richtlinien offiziell bezeichnet werden: Ohne menschliches Zutun geht es auch hier nicht.

Der Deutsche Ziest ist in unse4er Gegend eine sehr seltene Pflanze

Engagiert: Burkhard Rasche

Seit Jahren kümmert sich Burkhard Rasche darum, dass Weißdorn- und Schlehenbüsche das Gelände nicht überwuchern und der Golddistel und dem Fransenenzian, der bevorzugt am Steilhang wächst, den Lebensraum streitig machen. Unterstützt wird der pensionierte Lehrer der Don-Bosco-Schule (heute Augustinus-Schule) auch von Schülern und Kollegen seiner Schule, vom Gymnasium Himmelsthür und von der Drogenhilfe, die sich ebenfalls schon mehrfach an den Arbeitseinsätzen beteiligt hat.

Inzwischen droht dem Naturschutzgebiet mit den vielen seltenen Arten aber noch eine ganz andere Gefahr: Unmittelbar neben dem Schutzgebiet will die Stadt mit dem Wasserkamp unterhalb der Marienburger Straße eines ihrer größten Neubauprojekte mit rund 600 Wohneinheiten anschieben. Ein von der Stadtverwaltung beauftragtes Fachbüro für Landschafts- und Grünplanung sieht in seinem Gutachten keine Gefahren für das FFH-Gebiet – sofern ein Mindestabstand von 100 Metern eingehalten werde.

Naturschützer und auch die Pächterin der Weide bleiben skeptisch: Die Neubürger wird es vor die Haustür ziehen, Hauskatzen werden durchs Gelände streifen und Bodenbrütern die Nester plündern, Hunde werden zum Gassigehen ausgeführt, was nicht nur zu permanenten Störungen führt, sondern auch den Nährstoffeintrag auf dem Trockenrasen erhöht. Dabei gilt für alle FFH-Gebiete ein grundsätzliches „Verschlechterungsverbot“. Für die Einschätzung der Verträglichkeit ist es übrigens egal, ob ein Vorhaben direkt im Gebiet stattfindet oder von außen seinen Einfluss auf das FFH-Gebiet ausübt. Da bleibt es spannend, wie dieser Widerspruch gelöst werden soll.

© Hildesheimer Allgemeiner Zeitung