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Beschwerdebrief an die EU-Kommission in Brüssel wegen Vertragsverletzung beim Naturschutzgebiet Am roten Steine

Durch die Bebauung des Wasserkamps könnte das Naturschutzgebiet Am roten Steine gefährdet werden, fürchten die Bürgerinitiativen und hoffen auf Rückenwind aus Brüssel.Foto: Chris Gossmann

Passen ein Naturschutzgebiet mit einem sensiblen Trockenrasen und ein Neubaugebiet für 600 Häuser als Nachbarn zusammen, ohne dass es zu Konflikten kommt? Die Stadt meint ja und hält an ihrem Entwicklungskonzept für das 350 000 Quadratmeter große Baugebiet am Wasserkamp fest. Naturschützer hegen hingegen Zweifel. Deshalb haben die Bürgerinitiativen „Für eine lebenswerte Marienburger Höhe“ und „Itzumer für einen grünen Wasserkamp“ nun eine offizielle Beschwerde an die EU-Kommission in Brüssel geschickt.Die BIs sind überzeugt, dass die Stadt gegen geltendes EU-Recht verstößt. Das knapp 30 Hektar große Areal zwischen Marienburg und Drei-Bogen-Brücke ist seit 1986 als Naturschutzgebiet, seit 2017 mit einem etwas vergrößerten Zuschnitt als europäisches Fauna-Flora-Habitat (FFH) ausgewiesen und unterliegt damit dem höchsten Schutzstatus.

Das bedeutet, dass der Zustand des Gebiets auf keinen Fall verschlechtert werden darf. Mehr noch: Wenn möglich, muss sogar versucht werden, den momentanen Zustand zu verbessern. Genau das aber würde nicht passieren, wenn oberhalb ein riesiges Baugebiet entsteht und anschließend – was zu erwarten ist – die Neubürger den Roten Stein als Naherholungsgebiet nutzen, befürchten die BIs.

Dass es Deutschland mit der Pflege seiner Schutzgebiete nicht so genau nimmt, ist bei der EU hinlänglich bekannt: Schon 2015 leitete die EU ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik ein und schickte eine lange Liste, in der sie dezidiert all jene Schutzgebiete aufzählt, in denen gegen FFH-Richtlinien verstoßen wurde. Weil sich trotz der Ermahnung kaum etwas tat, folgte 2019 ein weiteres Schreiben. Die EU fordert, dass auch für das Schutzgebiet „Am roten Steine“ die Erhaltungsziele und Maßnahmen zur Erhaltung des Naturschutzgebiets konkret benannt werden müssen.

„Wir haben die Befürchtung, dass die Stadt versucht, mit dem Baugebiet Tatsachen zu schaffen und hinterher auf Sachzwänge verweist“, sagt BI-Sprecher Kurt Warmbein. Die Bürgerinitiativen erwarteten von der EU-Kommission nun eine genaue Prüfung der Pläne der Stadt im Hinblick auf den Natur- und Klimaschutz und die Einforderung einer FFH-Verträglichkeitshauptprüfung.

Eine solche Hauptprüfung müsste den tatsächlichen Zustand des Naturschutzgebiets über alle vier Jahreszeiten dokumentieren. „Bislang hält die Stadt die aber für überflüssig und ist höchstens bereit, nochmals eine einfache Vorprüfung in Auftrag zu geben“, vermutet Warmbein.

Eine solche Vorprüfung hatte die Stadt tatsächlich schon einmal veranlasst. Das damit beauftragte Büro für Landschafts- und Grünplanung sah in seinem Gutachten allerdings keine Gefahren für das FFH-Gebiet – sofern ein Mindestabstand von 100 Metern eingehalten werde. Die BIs und auch Naturschutzverbände wie der Ornithologische Verein (OVH) bleiben skeptisch: Die Anwohner wird es vor die Haustür ziehen, Hauskatzen werden durchs Gelände streifen und Bodenbrütern die Nester plündern, Hunde werden zum Gassigehen ausgeführt, was nicht nur zu permanenten Störungen führt, sondern auch den Nährstoffeintrag auf dem Trockenrasen erhöht, so die Bedenken.

Durch die Anlage von Gärten werde später Blumenerde, Torf und Dünger ausgebracht, deren lösliche Stoffe mit der Zeit ins Naturschutzgebiet ausschwemme. „Das Gelände ist das größte Grundwasserneubildungsgebiet in Hildesheim“, sagt Warmbein. Zudem seien Wirkzusammenhänge etwa zwischen Pflanzen und Insekten bislang nur „bedingt bekannt“ und von der Stadt überhaupt noch nicht untersucht worden.

Schon jetzt gibt es immer wieder ungebetene Gäste, die hier Picknick machen und jede Menge Müll zurücklassen. Immer wieder muss die Pächterin des umzäunten Areals, die hier ihre Pferde und Schafe weiden lässt, damit der Trockenrasen nicht verbuscht, den Tierarzt holen, weil ihre Vierbeiner achtlos weggeworfenes Plastik gefressen haben.

„Die Bürgerinitiativen – und nicht nur sie – fragen sich, wie denn sichergestellt werden soll, dass das Naturschutzgebiet weder in der Bauphase noch später beeinträchtigt werden wird“, sorgt sich Warmbein. Das Gutachten der Stadt sei „lediglich nach Aktenlage“ geschrieben worden, es genüge nicht den erforderlichen methodischen Standards. „Da müsste einer seine Gummistiefel anziehen und wirklich rausgehen. Aber ich glaube, die Stadt will das alles gar nicht so genau wissen.“

Aus der HiZ vom 23.01.2021 © Hildesheimer Allgemeine Zeotung