Aus der HiAZ vom 12. August 2021

Thema am Sonntag in Algermissen – mit Ministerin zu Gast

Der OVH und der Paul-Feindt-Stiftung sind auch dabei – siehe Veranstaltungskalender

Natur neben Agrikultur: ein Blühstreifen im Südwesten von Algermissen.Foto: Thomas Wedig

NATUR NEBEN AGRIKULTUR: EIN BLÜHSTREIFEN IM SÜDWESTEN VON ALGERMISSEN.FOTO: THOMAS WEDIG

Der Klimawandel zeigt sich in vielen Veränderungen. Indirekt sogar am Algermissener Volksfest. Landwirt Clemens Gerhardy erinnert sich genau: Wenn er das Fest in seiner Kindheit besuchte, war die Getreideernte gerade gestartet. „Heute“, sagt der Algermissener, „fängt sie vier Wochen früher an.“ Und ist damit einen Monat eher fertig. Der Acker wird mitten im Sommer zum Stoppelfeld – was zum Beispiel für den Feldhamster tödlich sein kann. Denn ihm fehlen dann Deckung und Nahrung gleichermaßen.

Gerhardy erprobt zusammen mit der Borsumerin Nina Lipecki von der Deutschen Wildtierstiftung auf zwei Feldern ein Gegenmittel: Der Landwirt praktiziert dort die sogenannte Ährenernte. Das Getreide wird dabei kurz unterhalb der Ähren abgemäht, damit der Hamster sich weiter gut vor Greifvögeln und anderen Feinden verstecken kann. Ein kleiner Teil der Ähren bleibt als Futter stehen. Ein Beispiel für eine kleine Veränderung mit großer ökologischer Wirkung.

Was ist sonst im Spannungsfeld zwischen Landwirtschaft und Naturschutz möglich? Und: Was ist nötig? Diese Fragen stehen am kommenden Sonntag, 15. August, bei einer Veranstaltung mit Landes-Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast in Algermissen im Mittelpunkt. Die Aktion ist Teil der Kultur-Reihe Rosen & Rüben, bei der es ausnahmsweise mal um Agri-Kultur geht. Organisiert wird sie von Clemens und Marion Gerhardy.

Hier ist ein Link zu dem Homepage von Clemens Gerhard

Aufgezogen ist das Ganze zwar als Naturerlebnistag (siehe Extratext unten), im Kern geht es aber um ein ernstes Thema und die Erkenntnis: Das grassierende Artensterben kann nur gebremst werden, wenn in der Kulturlandschaft mehr Raum für ursprüngliche Natur geschaffen wird – Blühwiesen, Randstreifen, Rückzugsflächen.

Das ist das Ziel des sogenannten Niedersächsischen Weges, einer Vereinbarung zwischen Landespolitik, Landwirtschaft und Umweltverbänden. Einen Weg zu finden, gegensätzlich erscheinende Interessen zu versöhnen, ist letztlich nirgendwo so wichtig wie in Niedersachsen – denn das gilt in Deutschland schließlich als Agrarland Nummer eins. Und in Niedersachsen ist die Hildesheimer Börde wiederum das Gebiet mit den besten Böden. Der Konflikt ist im Hildesheimer Land besonders offensichtlich: Landwirte wollen den besagten besten Boden effektiv für die Nahrungsmittelproduktion nutzen. Naturschützer fordern indessen mehr Raum für die Tierwelt inmitten einer Region, die zu fast 60 Prozent landwirtschaftlich genutzt wird.

Gefragt sind Kompromisse ohne finanzielle Verluste für die Landwirte, dazu neue Ansätze – wie der einer Reihe von Bauern, die in Bodenburg, Hasede, Nordstemmen, Heyersum und Rössing mehrere Blühwiesen auf einer Fläche von insgesamt 8 Hektar angelegt haben. Freiwillig – was für Clemens Gerhardy, der in Algermissen schon mehrere ähnliche Projekte verwirklicht hat, ein wichtiger Aspekt ist: „Mehr Blühflächen dürfen nicht verordnet werden“, sagt er, „das muss alles zusammen mit uns Landwirten geschehen.“

Wie das machbar ist, soll am Sonntag Thema von Gesprächen zwischen Landwirten und Naturschützern sein – und anderen Interessierten wie der Ministerin, die an ihrem freien Sonntag kommt. Weil es um ein wichtiges Thema geht.

© Hildesheimer Allgemeine Zeitung