Hitzige Debatte um Naturerlebnisgebiet / Mehrere Lämmer bereits gestorben
Hildesheim (ha). Es klingt sonderbar: Ausgerechnet auf dem Truppenübungsplatz, über den Jahrzehnte lang tonnenschwere Panzer der Bundeswehr donnerten, hat sich ein weit über die Region hinaus bedeutsamer Lebensraum für viele seltene und bedrohte Tier- und Pflanzenarten entwickelt Seit Ende 2007 sind die Panzer weg, doch dem Naturschutzgebiet droht nun eine noch viel größere Gefahr: durch Hundehalter und Freizeitsportler, die gegen geltende Schutzbestimmungen vorgehen wollen. Schon 1992 zeigte die EU, dass sie es mit dem Naturschutz ernst meint. Sie forderte die nationalen Regierungen auf, Floren-und Faunen-Habitate (FFH> zu melden, also schützenswerte Lebensräume für Pflanzen und Tiere.
240 Millionen Jahre Erdgeschichte
Auf der deutschen Liste stand auch das 742 Hektar große Gebiet nördlich von Himmelsthür, das genau betrachtet aus vier Teilen besteht, die sich kleeblattförmig zusammenfügen: der offenen Weide von Osterberg und Truppenübungsplatz, dem Weidewald am Mastberg, dem Was¬serwald im Haseder Holz und schließlich den Giesener Bergen, die zur Zeitreise durch 240 Millionen Jahre Erdgeschichte einladen. 2004 wurde das gesamte Areal in das europäische Schutzgebietssystem „Natura 2000" aufgenommen, mit dem EU-weit Naturerbe bewahrt werden soll. Der 279 Hektar große Militär-Übungsplatz, den die Wehrmacht schon 1937 als Schießplatz erworben hatte, ist eines der bedeutenden Elemente in diesem Svstem.
Wie bedeutend, das erläuterte nun der Diplom-Biologe Guido Madsack von der Unteren Naturschutzbehörde dem Himmelsthürer Ortsrat. Denn bis Ende des Jahres muss das seil 2004 bereits rechtswirksam existierende Schutzgebiet in einen nationalen Rahmen gekleidet werden. „Wir haben also nicht mehr die Möglichkeit, über die Absteckung des Gebietes zu diskutieren. Das steht durch die europäische Kommission bereits seit 2004 fest**, machte Madsack noch einmal klar.
Das aber schien die Hundehalter, die in überraschend großer Zahl zur Ortsratssitzung gekommen waren, nicht im mindesten zu beeindrucken. Oftmals lautstark und emotional forderten sie freien Zugang, um ihre Hunde auch weiterhin ohne Leine kreuz und quer durch die Natur stromern zu lassen. Das dürfen sie, genau genommen, schon jetzt nicht Die Kommune hat bislang allerdings darauf verzichtet, wegen dieser Verstöße Bußgeldbescheide zu verteilen.
Das Gelände, das dem Bund gehört, ist an einen Schäfer verpachtet, der mit seiner bis zu 1000 Tiere zählenden Herde dafür sorgt, dass die schon im Mittelalter als Huteland genutzten Flächen nicht vertuschen. „Ohne den Schäfer gab es hier keine Wiese mehr**, lobt Ortsrat Martin Eggers (CDU), der sich als Landwirt mit Natur auskennt, dessen Engagement. Leicht hat es der Schäfer aber nicht. Mindestens sieben Lämmer, sagt Madsack, seien durch abgeleinte Hunde bereits gehetzt und zu Tode getrampelt worden, mehrfach - bestätigte auch Eggers - wurden Kitze und Rehe gerissen, Eltern haben sich wiederholt an die Naturschutzbehörde gewandt, weil sie sich wegen der Hunde mit ihren Kindern nicht mehr hierher trauen. Und schließlich wurde immer wieder Heu aus dem Naturschutzgebiet unbrauchbar, weil es zertrampelt und mit Hundedreck so verunreinigt war, dass die Schafe es verschmähten - wohl wissend, dass damit Krankheiten auf die Herde übertragen werden können.
Madsack will nun einen Kompromiss finden, wie Natur geschützt und dennoch das Bedürfnis der Menschen nach Erholung und Naturerlebnis unter einen Hut gebracht werden können. Besucher will er bewusst nicht an den Rand drängen, sondern ihnen über Wege sogar Zugang zu den schönsten Stellen schaffen. Auch Schulen sollen einbezogen werden; einen Informationspavillon gibt es bereits.
Die Hundehalter, für die der Ortsrats eigens seine Sitzung unterbrach, um ihnen Gehör EU geben, beeindruckten die Argumente herzlich wenig. „Hunde sind auch Natur!", „Einer mag Hunde, der andere Fledermäuse", „Wenn wir mit unseren Hunden alle an der Salzwiese gehen, krie¬gen wir dort kein Bein mehr auf die Erde/* „Mein Hund braucht Auslauf, sonst wird er aggressiv." Schließlich knallten zwei Zuhörer eine Unterschriftenliste auf den Tisch, in dem freier Zugang auf die ganzjährig genutzten Weideflächen gefordert wird, was ohnehin geltendem Gesetz widersprechen würde.
Hundelauffläche in der Freiflut
Ein Zuhörer schlug vor, die Freiflut am Hohnsensee als Hundelauffläche auszuweisen, parallel dazu entwickelte der Ortsrat die Idee, den südlichsten Streifen des Naturschutzgebietes, der in etwa der Trasse der seit Jahrzehnten geplanten Ortsumgehung entspricht, für Hunde zu öffnen. Dazu müssten Förster und Schäfer als Hausherrn ihr Einverständnis geben. Bislang, so zeigte der hitzige Disput, sind die mit Hundehaltern aber wohl schon mehrfach aneinandergerauscht
Das Naturschutzgebiet weckt übrigens viele Begehrlichkeiten. Der Reitverein Steuerwaid möchte auch künftig seine gewohnten Wege nutzen - Madsack sieht darin kein Problem Interesse gezeigt haben aber auch schon Läufer und Crossgolfer, die querfeldein im offenen Gelände spielen. Mountainbiker und Paintball- oder auch Gotchaschützen, die mit Farbe gefüllte Gelantinekugeln verschießen.2000 Arten
2000 Arten
Im Naturschutzgebiet Osterberg sind 2000 Tier- und Pflanzenarten nachgewiesen, von denen 250 auf der Roten Liste stehen. Es gibt allein 573 Gefäßpflanzen, von denen 54 bedroht sind; so die Bienen-Ragwurz, der Fransen-Enzian, der Dornige Hauhechel. Zu den 63 Vogelarten gehören der Neuntöter. der Rotmilan, die Feldlerche. Von den 43 Tagfaltern stehen 18 auf der Roten Liste, so der Große Perlmutterfalter. Fast alle in Niedersachsen heimischen Fledermäuse wurden in dem Gebiet gesichtet: Zu den 14 Arten gehört auch die größte heimische Art, das Große Mausohn Das wohl ungewöhnlichste Tier aber ist der Urzeitkrebs Triops cancriformis, der seit 215 Millionen Jahren fast unverändert überlebt hat - und der damit genau so alt ist wie das Gestein aus dem Keuper, auf dem er lebt. (ha)
Frostperiode setzt den Wildtieren zu
Bernhard Möller und Ingo Mücke halten das Vogelparadies im Borsumer Wald in Schuss
Kreis Hildesheim (htw). Frostige Temperaturen und eine geschlossene Schneedecke halten die Natur auch im Landkreis Hildesheim nach wie vor fest im Griff. Schon der Gedanke daran lässt Menschen bibbern. Doch nicht nur die Menschen leiden unter der Kälte, sondern auch die Klein- und Greifvögel sowie das Wild in Wald und Flur haben darunter zu leiden.
Der Naturschutzbund NABU Niedersachsen weist darauf hin. dass Art- und tierschutzgerechte Winterfütterung in diesen Tagen viele Vogelleben retten kann.

Die beiden Vogelschützer Reinhard Gronau und Edmund Machens (von links) hängen Meisenknödel an die Bäume. Fotos: Wiechens
Das gilt auch für verschiedene Beerensorten, die im Grunde aufgebraucht sind. Deshalb raten die Vogelschützer dringend zu einer Winterfütterung. Insbesondere die Vogelarten, die auf Mäuse angewiesen sind, leiden darunter, denn der Schnee ist stellenweise sehr hoch und sehr verharscht. Normal hören Mäusebussard und Turmfalken die Mäuse unter der Schneedecke, sagt Möller. Die ist jetzt aber so hart, dass Greifvögel nicht mehr an die Mäuse herankommen. Besonders schlimm betroffen, so Möller, seien in diesem Jahr die Schleier- und Waldohreulen. Früher habe man die Eulen und Greifvögel mit Schlachtabfällen gefüttert, was heute aber nach der Hygiene-Verordnung nicht mehr zugelassen ist. Der aktuelle Notstand, sagt Möller, gelte auch für Krähen und Kolkraben, die sich von Samen, Früchten, kleinen Vögeln, Säugetieren und auch von Aas ernähren. In diesen Tagen, so Möller, konnten in Obstgärten in Hildesheim. Detfurth und Borsum Ansammlungen von mehr als 150 Wacholderdrosseln beobachtet werden, die unter dem Schnee nach heruntergefallenem Obst suchen.
Edmund Machens und Reinhard Gronau vom Verein für Naturschutz Borsumer Kaspel füttern bereits seit Weihnachten die Vögel an zwei Futterstellen im Borsumer Wald. Bisher haben sie rund 60 Kilogramm gemischtes Winterfutter und mehr als 100 Meisenknödel im Wald aufgehängt. Jeden zweiten Tag machen sie sich abends oder in den frühen Morgenstunden auf, um die Futterstelle neben der Gaststatte „Jägersruh" und an der alten Wiese zu füllen.
Den großen „hessischen Futterkasten" haben die Naturschützer bereits vor 24 Jahren aufgebaut. In diesem harten Winterjahr, so Machens, kommt ihm eine besondere Bedeutung zu. Dort wimmelt es besonders in den Morgenstunden von Blaumeisen. Kohlmeisen, Sumpfmeisen, Kleibern, Bergfinken, Buchfinken, Drosseln, Amseln. Bunt- und Grünspechten sowie mehreren Eichelhähern. Besonders die Meisen, erzählt Gronau, hätten nichts zuzusetzen, denn die müssten jeden Tag etwas haben, da sie keinen Fettvorrat ansetzen können.
Gastwirt Ingo Mücke lockt mit Nüssen hin und wieder auch ein Eichhörnchen an, welches inzwischen zu den „Stammgästen" im Fütterhäuschen an der alten Eiche zahlt. Mit ungesalzenen Knödeln und frischem Speck sorgt er bei vielen Vogelarten für besondere Aufmerksamkeit. Am Boden können oft auch seltene Rotdrosseln beobachtet werden.
Die Wintergäste gehen aber nicht an den Futterkasten, sondern stöbern nur auf dem Boden nach Samen oder Körnern. Für die Gaststättenbesucher der Gaststätte „Jägersruh" jedenfalls ist es ein besonderes Erlebnis, aus dem Warmen einen Blick durch die Fensterscheiben in dieses Vogelparadies zu werfen.
Zehn Regeln zur Fütterung
Kreis Hildesheim (htw). Um eine art-und tierschutzgerechte Winterfütterung zu erleichtern, empfiehlt der NABU Niedersachsen:
- Keine gesalzenen Reste von menschlichen Speisen verfüttern.
- Nur artgerechtes Futter für die Vögel verwenden: Energiereiche Samen und Nüsse sind am besten geeignet. Dazu zählen unter anderem Hafer, Maisflocken, Sonnenblumenkerne oder Haferflocken.
- Man sollte keine Massenfutterplätze einrichten, denn sie begünstigen die Verbreitung von Krankheiten. Besser als große Futterhäuser sind Futtersäulen, Futtertrichter und auch klein Futterhäuser, in denen das Futter trocken nachrutschen kann und gegen Wind, Schnee, Regen und Verschmutzung geschützt ist. Amseln, Wacholderdrosseln und andere Arten nutzen das herunterfallende Futter. Deshalb sollten die Plätze täglich gesäubert werde.
- Fettblöcke und -kolben sind hervorragende ,Energiebomben' für Meisen, Schwanzmeisen und andere Vögel. Es gibt sie in verschiedenen Varianten, auch mit Insekten- und Waldfruchtanteil, ebenso mit speziellen, leicht zu säubernden Halterungen. Auch Futterringe sind sehr gut geeignet; sie verfügen neben dem Fett über einen hohen Saatenanteil.
- Eine gute Vitamingabe, die besonders gern von Amseln genutzt wird, sind getrocknete, aber ungeschwefelte Rosinen und Apfelhälften, die auf den Boden gelegt werden.
- Der Futterplatz sollte auch katzensicher angelegt werde. Auch der Abstand der Futterspender zur nächsten Glasscheibe sollte mindestens zwei Meter betragen.
- Niemals abgelaufenen Futtermischungen oder Fettblöcke kaufen. Auf das Haltbarkeitsdatum achten, keine ranzige Ware einsetzen.
- Die Futterhäuser oder -trichter sollten abends gefüllt werden, weil die Vögel bereits in der sehr zeitigen Morgendämmerung einen großen Energiebedarf haben.
- Futterstellen niemals mit Seife oder Chemikalien reinigen. Nur warmes Wasser und eine Bürste einsetzen. Aus hygienischen Gründen sollte man beim Reinigen Handschuhe tragen.
- Die beste vorausschauende Winterfütterung ist ein naturnaher Garten - unter altem Laub finden die Vögel ebenso Insekten und Spinnen wie in Stängeln, zudem Beeren und Früchte.
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Neue Heimat für Luftakrobaten HAWK und Hildesheimer Ornithologen richten Nistkästen für Mauersegler ein/Tipps für Hausbesitzer Hildesheim (r). Der Mauersegler hat es schwer. Er wohnt gern bei den Menschen, doch die lassen ihm kaum noch Platz. Immer mehr Hohlräume an Gebäuden werden verschlossen. Die Fachhochschule HAWK setzt ein Zeichen: Fünf Nistkästen sollen den rasanten Fliegern ein Zuhause bieten. Die schwindelnde Höhe macht weder Karsten Schaer noch Nils Schmidt etwas aus. Mit wenigen Handgriffen ziehen der Dachdeckermeister und sein Lehrling die letzten Schrauben für fünf neue Nistkästen an. Dort, unter dem Dach des HAWK-Gebäudes am Hohnsen, sollen künftig Mauersegler einziehen. Die kehren nämlich im Mai nächsten Jahres aus ihren Winterquartieren in Äquatorial- und Südafrika nach Hildesheim zurück. Allerdings geschieht dies immer seltener. Denn wegen mangelnder Nistmöglichkeiten ist die Vogelart aus der Familie der Segler in unseren Breitengraden selten geworden. Uwe Schneider vom Ornithologischen Verein zu Hildesheim (OVH) schätzt ihr Vorkommen auf „gerade mal 200 Paare". Der Mauersegler musste deshalb bereits auf das Vorwarngregister der „Roten Liste" gefährdeter Brutvögel gesetzt werden. „An sich ist der Mauersegler ein typischer Stadtvogel", sagt Schneider. Prägnant sei sein weit hörbarer und schriller Ruf. Besonders auffällig sind darüber hinaus seine rasanten Flugmanöver. Im Sturzflug erreicht der Mauersegler sogar Geschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometerpro Stunde. Entsprechend waghalsig hält es der Mauersegler mit seinen Nestern. Eine Mindesthöhe von sechs bis sieben Metern über den Erdboden gehört zu seinen Anforderungen für eine ideale Nistgelegenheit. Meist findet der Mauersegler solche Plätze in Hohlräumen in Dachbereichen. Doch gerade solche werden in der Regel bei Sanierungsarbeiten verschlossen.
„Als ich gesehen habe, dass die HAWK Fassadenarbeiten vornimmt, habe ich sofort reagiert und HAWK-Präsident Prof. Dr. Martin Thren angesprochen", erklärt Schneider, der die perfekten Gegebenheiten sofort erkannt hatte. Der gelernte Forstwissenschaftler Thren sagte spontan zu. die fünf von der OVH und dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) zur Verfügung gestellten Nistkästen anbringen zu lassen. „Mauersegler sind nicht nur lustige Gesellen und Kulturfolger, sondern auch Indikatoren für ein gutes Mikroklima", sagt Thren. „Das ist ein wunderbarer Beitrag zum Artenschutz der Stadt Hildesheim", freut sich Schneider. Auch HAWK-Gebäudemanager Reinhard Hager blickt zufrieden nach oben: „Die hier vorhandenen Möglichkeiten bieten sich doch geradezu an. Ich freue mich schon, wenn sich im nächsten Jahr die ersten Mauersegler hier ansiedeln." Es handelt sich übrigens um sehr soziale Vögel, die am liebsten in Kolonien leben. Darum ist es sinnvoll, gleich fünf dieser Nistkästen nebeneinander anzubringen. Es ist eine Entscheidung für die Zukunft, denn normalerweise kehrt der waghalsige Flugakrobat jedes Jahr an seinen alten Nistplatz zurück. „Viele sträuben sich davor, an ihrem Gebäude solche Kästen anzubringen -weil sie Angst vor dem Vogeldreck haben", berichtet Schneider und klärt auf: „Gereinigt werden müssen weder Fassade noch Nistkästen. Es sind gerade aus Sicht der Menschen sehr saubere Vögel."
Alles bereit für den Einzug: Karsten Schaer und Nils Schmidt bringen die neuen Nistkästen für die Mauersegler am HAWK-Gebäude am Hohnsen an. Hausbesitzer, die Rat im Zusammenhang mit dem Ansiedeln von Mauerseglern benötigen oder bereit sind, ebenfalls Nistkasten an ihren Gebäuden anbringen zu lassen, können sich unter der Nummer 74 57 132 an den OVH wenden. Oder bei Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können. © Hildesheimer Allgemeine Zeitung |
Der elegante Flieger sucht vielerorts ein Dach über dem Kopf.